iudicium-Logo
   
   

  Japan und Ostasien

  Germanistik /
  Deutsch als Fremdsprache

  Kulturwissenschaften

 

 
Senden Sie Fragen oder Kommentare zu dieser Website an:
info@iudicium.de
iudicium verlag
Copyright © 2012

CoverBaus, Wolf; Klöpsch, Volker; Putz, Otto; Schamoni, Wolfgang (Hg.)

Hefte für ostasiatische Literatur 19

1995 • H. 19/November 1995 • ISBN 978-3-89129-342-3 • ISSN 0933-8721
150 S., kt.; Jahres-Abonnement (2 Hefte): Inland EUR 24,- · EU-Länder EUR 29,50 · Nicht-EU-Länder: Landweg EUR 28,-; Luftpost EUR 35,- (jeweils incl. Porto), Einzelheft: EUR 16,-

Die "Hefte für ostasiatische Literatur" machen in Europa bisher unbekannte literarische Texte aus dem fernen Osten in deutschen Übersetzungen zugänglich. Neben wichtigen lyrischen, erzählenden oder auch dramatischen Texten aus China, Japan und Korea bieten sie Informationen über und Werkstattgespräche mit literarischen AutorInnen aus Ostasien, eine sorgfältige Zusammenstellung von Neuigkeiten aus dem kulturellen und literarischen Leben Chinas, Japans und Koreas sowie eine ausführliche Bibliographie neuer deutschsprachiger Publikationen zur Literatur dieser Länder.
"Die Hefte stellen ein ausgezeichnetes Forum dar, um überwiegend zeitgenössische, aber auch klassische Autoren Ostasiens bekannter zu machen, als das einschlägige Buchprogramme bei uns können˜..." ("China Literaturmagazin")
"Die HoL haben sich als unersetzliche Quelle literarischer Anregungen, fruchtbarer Grenzüberschreitungen und vor allem von Qualität etabliert." (Ruth Keen, "Neue Zürcher Zeitung")


Von Mord und Totschlag handelt dieses HEFT, von schlechten Menschen, denen es am Ende schlecht ergeht. Welch unwiderstehlichen Genuß kann es bedeuten, von jemandem zu lesen, der Dinge tut, die wir uns nicht zu tun trauen, vielleicht auch Schlimmeres begeht, als wir in heimlichen Phantasien je zu träumen wagen! Solange nur die Welt, in der wir leben, heil ist, erschrecken wir mit Lust, wenn die uns im Buche vorgestellte aus den Fugen gerät. Wo wir von Leichen lesen, fühlen wir uns nur umso lebendiger.
Schon das mittelalterliche China besaß eine reiche Kriminalliteratur, die durch die Übersetzungen und Romanwerke Robert van Guliks auch bei uns populär geworden sind. Das Grundschema stimmt oft mit dem westlicher Kriminalgeschichten überein: ein möglichst raffiniertes Verbrechen wird mit größtmöglichem Scharfsinn aufgedeckt. Bei der Schilderung darf sich der Autor der neugierigen Anteilnahme seines Publikums sicher sein, die Handlung verspricht Spannung, und die Überführung des Täters stellt die vorübergehend in Frage gestellte Ordnung und damit das erschütterte Vertrauen in sein Weltbild wieder her. Somit wirkt die Kriminalgeschichte in allen Literaturen trotz der geschilderten Normverletzungen am Ende affirmativ.
Frühe Beispiele der Gattung aus der Tang- und Song-Dynastie, wie wir sie in diesem HEFT vorstellen, wollen zum einen unterhalten, kehren zum anderen aber auch - manchmal überdeutlich - eine didaktische Absicht hervor. Die Ausbildung für die Beamtenprüfungen umfaßte im kaiserlichen China kaum die Vermittlung juristischer Kenntnisse, obwohl zu den späteren Aufgaben des Beamten auch die Richtertätigkeit gehörte. In der Literatur wurde ein breiter Fundus von Fällen gesammelt, die dem Beamten in seinem Vorgehen und in seiner Entscheidung als Vorbilder dienen konnten. Wie schnell und wie weit sich Wirklichkeit und Erfindung voneinander entfernten, die Literatur sich also zur Fiktion emanzipierte, zeigt bereits die von Shen Gua geschilderte Episode vom übertölpelten Richter Bao Zheng. Ihren Reiz bezieht sie aus der Tatsache, daß jener Richter Bao, dessen Bühnenmaske den Umschlag dieses HEFTES ziert, als Inbegriff des Scharfsinns und der Integrität galt und über Jahrhunderte in Drama und Roman zum Vorbild der Beamten und zur Hoffnung aller Rechtsuchenden stilisiert wurde. In dieser Rolle stellt ihn auch die Erzählung Die Drihort-Halle vor.
Während Erzähler und Leser im vormodernen China vornehmlich der Handlungsablauf fesselte, die Motive des Verbrechers hingegen meist sehr schematisch dargestellt wurden, zeigt sich der moderne Autor, wohl auch unter dem Einfluß westlicher Literatur, gerade von der Psyche des Verbrechers fasziniert. Das alte Dreischritt-Schema Verbrechen, Überführung und Strafe wird fast nur noch in der Trivialliteratur gepflegt. Wang Renshus Erzählung Der Selbst-Mord-Test ist vielleicht der erste literarische Versuch in China, der Faszination des Mordens nachzuspüren. Wir machen damit auf einen berühmten Autor aus der frühen Republikzeit aufmerksam, von dem bislang nichts in deutscher Sprache vorlag; im nächsten HEFT wird ein Essay von ihm folgen. Abgeschlossen werden die chinesischen Beiträge durch eine weitere Erzählung des Taiwanesen Li Jiejin, den wir bereits in HEFT 17 vorstellten. Er variiert und parodiert das seit Ryônosuke Akutagawa in Ostasien beliebte Rashômon-Schema: Ein Verbrechen wird aus der Perspektive verschiedener Figuren erzählt; am Ende bleibt offen, wo das liegt, was wir gemeinhin die Wahrheit nennen.
In der traditionellen japanischen Literatur spielen Geschichten von der Begegnung mit Geistern und Dämonen und anderen übernatürlichen Erscheinungen eine größere Rolle als Kriminalerzählungen. Mit Ihara Saikaku, der seine unerhörten Begebenheiten in eindringlich lakonischer Sprache darstellt, lassen wir den wohl bedeutendsten Erzähler der Edo-Zeit zu Wort kommen. Auch die zwei Miniaturen von Emi Suiin und Uchida Hyakken sind nicht eigentlich Kriminalgeschichten, sondern sprechen von jenem Bereich des Unheimlichen und Dämonischen, der in den fernöstlichen Literaturen eine so bedeutsame Rolle spielt. Die Ausklammerung des Übersinnlichen im konfuzianischen Denken scheint die Faszination, die von diesen angenommenen Kräften ausgeht, geradezu gefördert und der Kunst und Literatur zugewiesen zu haben. Mori Ogais Erzählung Die Schlange, deren zeitgeschichtliche Bezüge es nicht zu übersehen gilt, mündet in die Auseinandersetzung um eine rationale Erklärung des unheimlichen Geschehens und markiert damit den Wendepunkt Japans zur Moderne.
Im übrigen drucken wir, nicht in den Bereich unseres Schwerpunktthemas gehörig, die zweite Hälfte der Haiku von Kobayashi Issa ab und stellen mit Ko Un einen koreanischen Autor vor, in dessen Gedichten sich die sozialen und politischen Probleme seines Landes widerspiegeln.

Beiträge

  • Li, Jiejin: - 123 -. Aus dem Chinesischen von Wolf Baus
  • Uchida, Hyakken: Mord am Hauptmann. Aus dem Japanischen von Lisette Gebhardt
  • Sieben Geschichten ausgeprägten Scharfsinns aus der Tang-Dynastie. Aus dem Chinesischen von Volker Klöpsch
  • Ihara, Saikaku: Der Pfeil in der zehnten Nacht. Der Klang der Laute brachte es an den Tag. Aus dem Japanischen von Guido Woldering
  • Die Drihort-Halle. Aus dem Chinesischen von Carsten Storm
  • Mori, Ogai: Die Schlange. Aus dem Japanischen von Wolfgang Schamoni
  • Wang, Renshu: Der Selbst-Mord-Test. Aus dem Chinesischen von Vera Schick
  • Emi, Suiin: Heiße Quelle. Aus dem Japanischen von Uwe Hohmann
  • Shen, Gua: Kriminalistische Episoden aus den Pinsel-plaudereien am Traumbach. Aus dem Chinesischen von Notker Böhme
  • Ko, Un: Gedichte. Aus dem Koreanischen von Woon-Jung Chei und Siegfried Schaarschmidt
  • Woon-Jung, Chei: Ko Un - Zu Person und Werk
  • Kobayashi, Issa: Haiku (II). Aus dem Japanischen von Gerhard Wolfram

 

Die Allgemeinen Geschäftsbedingungen habe ich zur Kenntnis genommen und bin damit einverstanden.

 

I have taken note of the General Business Conditions